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Über den Horizont – Straßenkinder in Recife (Brasilien / Ruas e Praças)

10. Februar 2019
Strassenjunge liebvoll umarmt

Über den Horizont – Unterstützung von Straßenkindern und ihren Familien

Die Kinder, die in den Armuts- und Elendsvierteln von Recife aufwachsen, haben nicht viele Chancen: Entweder sie werden auf die Straße geschickt, um etwas Geld für ihre Familien zu erbetteln. Oder die Enge und die Gewalt in den eigenen vier Wänden treibt sie in ein Leben auf der Straße. Dort fristen sie dann ein Dasein zwischen Drogen, Angst, Kriminalität und Prostitution.

Die Familienmitglieder der Straßenkinder bleiben häufig, trotz aller Probleme, ihre wichtigsten Bezugspersonen und viele wünschen sich, wieder bei ihnen leben zu können. Behutsame Begleitung sowohl der Straßenkinder als auch ihrer Familien ist notwendig, um das zu ermöglichen. Professionelle Betreuung soll den Kindern helfen, ÜBER DEN HORIZONT ihres Daseins auf der Straße hinaus zu sehen und neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Dunkle Schatten auf der Seele
„Auf der Straße ist das Leben immer ein Karussell. Es hört nicht auf sich zu drehen. Ob ich nun hier lebe oder sterbe, es gibt keine Zeit für ein Anhalten. Ich habe Freunde und fühle mich einsam. Wir teilen das Essen, aber manchmal kämpfen wir auch darum. Hin und wieder denke ich an zu Hause, an meine Mutter. Aber nicht oft, denn das macht mich traurig.“
Adelinda verbrachte den Großteil ihrer 15 Lebensjahre auf den Straßen von Recife. Als sie sechs war, nahmen sie ihre älteren Geschwister zum Betteln mit. Sie schlief nur noch selten zu Hause, schnüffelte Klebstoff und mit zehn wurde sie wegen Diebstahls verhaftet. Wieder daheim, fing ihr neuer Stiefvater an sie zu schlagen, wenn er betrunken war. Eines Tages folgte sie ihrer Cousine an den Strand und fremden Männern in dunkle Schatten.

Über den Horizont – Straßenkinder und ihre Familien in Recife

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Kein Platz
Schicksale wie dieses sind in Brasilien kein Einzelfall. In den Großstädten gibt es eine Vielzahl von Kindern, die hauptsächlich auf der Straße aufwachsen. In der Küstenstadt Recife leben 1,5 Millionen Menschen in 94 Stadtvierteln. 73 davon sind sogenannte Favelas, Armen- und Elendsviertel. Zwischen den Hütten häufen sich Müllberge, es gibt keine Kanalisation, kein sauberes Wasser und oft auch keinen Strom. Die meisten hier kommen vom Land, wo sie von ihren Feldern vertrieben wurden oder sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt aufmachten. Was sie erwartet ist Trostlosigkeit. Eine regelmäßige Arbeit zu finden ist schwer und oft wohnen bis zu zehn Personen in einem Haus, das kaum größer als 30 Quadratmeter ist. Wenn Kinder, Mütter, Väter, Großeltern, Tanten und Onkel … in einem Raum wohnen, ist das Alltagsleben alles andere als einfach.

Auf dem Karussell der Straße
„Meine Mutter schickt mich auf die Straße, um Geld für die Milch meiner kleinen Schwester zu erbetteln – mein Onkel, um Geld für Schnaps zu besorgen.“
So wie der 10-jährige Dinu werden viele Kinder von ihren Familien auf die Straße geschickt, um zum Einkommen beizutragen und landen früher oder später ganz auf der Straße. Oft fliehen die Kinder aber auch vor dem Elend zu Hause und um den Misshandlungen zu entkommen, die ihnen von den älteren Familienmitgliedern wegen Drogenmissbrauchs, Alkoholismus und Arbeitslosigkeit angetan werden. Auf der Straße sind sie jedoch den brutalen Revierkämpfen rivalisierender Banden, Polizeigewalt und gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt. Sie betteln, waschen Autos oder müssen sich prostituieren, um zu überleben.

Vor der Straße bewahren
In Brasilien ist das soziale Ungleichgewicht so extrem, wie in kaum einem anderen Land. In den letzten zehn Jahren hat sich die Regierung zwar sehr bemüht, die Armut zu bekämpfen und einige Sozialprogramme ins Leben gerufen. Viele der bedürftigen Familien können diese Unterstützungen jedoch nicht beziehen, weil die Haushaltsvorstände, meist alleinerziehende Mütter, weder lesen noch schreiben können. Oder sie wissen nicht, an welcher Stelle sie dafür ansuchen müssen. Das führt dazu, dass die unter dem Existenzminimum lebenden Familien ihre Beihilfe nicht bekommen – jene finanzielle Unterstützung, die Kinder wie Dinu und Adelinda vielleicht vor dem harten Schicksal auf der Straße bewahrt hätte.

Nicht der Ort, sondern die Art
Claudio ist Sozialarbeiter bei der Organisation Ruas e Praças und selbst ehemaliges Straßenkind. Heute versucht er den Kindern auf der Straße das zu geben, was er damals selbst so dringend brauchte: eine Lebensperspektive.
„Ruas e Praças hat mir einen Weg gezeigt, eine neue Perspektive zu finden und aus meinem Milieu hinauszukommen – nicht, um von dem Ort wegzukommen an dem ich lebte, sondern vielmehr aus der Art, wie ich lebte. So lernte ich schließlich, über den viel zu engen Horizont meiner Lebensweise hinauszusehen.“
Ruas e Praças bedeutet „Straßen und Plätze“. Die Organisation wurde 1989 gegründet und seit den Anfängen von Misereor unterstützt. Die 14 MitarbeiterInnen kümmern sich in Recife um durchschnittlich 200 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren, die auf der Straße ihr Leben fristen.

Auf Straßen und Plätzen
Die Familie bleibt für viele Kinder und Jugendliche auf der Straße trotz allem der wichtigste Bezugspunkt und sie verspüren oft den Wunsch, wieder mit ihr zu leben. Die Organisation Ruas e Praças hat sich deshalb, neben der klassischen Sozialarbeit auf der Straße, vor allem auf die Familienbegleitung spezialisiert, damit die Familie wieder ein Ort der Geborgenheit werden kann. Ziel ist, die Bindung zwischen den Kindern und ihren Familien zu stärken und eine Rückkehr in diese zu ermöglichen, sofern die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Zum Wohl des Kinds
Die SozialarbeiterInnen bauen zuerst mit den Straßenkindern ein Vertrauensverhältnis auf. Wenn das Kind den Wunsch äußert, seine Familie wieder zu kontaktieren, versuchen sie diese ausfindig zu machen. Bei regelmäßigen Hausbesuchen bekommen die SozialarbeiterInnen Einblick in das familäre Leben und analysieren die Gründe, die zum Verlassen der Familie führten. Wenn notwendig werden die Familienmitglieder medizinisch und therapeutisch begleitet und betreut. Bei organisierten Aktivitäten und Ausflügen kommen sich die Familienmitglieder und die Kinder wieder näher und bauen neue Beziehungen auf. Die Familien und die Kinder werden in das Programm der Organisation eingebunden und nehmen an Kursen über gewaltfreie Erziehung, Drogen, Sexualität, Umgangsformen und Aufklärung teil sowie an Informationsveranstaltungen zu Themen wie Sozialleistungen und öffentliche Betreuungseinrichtungen. Die SozialarbeiterInnen helfen den Familien bei Behördengängen, der Beschaffung von notwendigen Dokumenten sowie der Antragstellung auf Beihilfen.

Diese professionelle Betreuung zum Wohl des Kindes soll den Kindern helfen, ÜBER DEN HORIZONT ihres Daseins auf der Straße hinaus zu sehen und neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Wir haben Ruas e Praças finanziell bei der Umsetzung des Familienprogramms unterstützt, um Straßenkinder zu betreuen, zu begleiten sowie teilweise in ihre Herkunftsfamilien rückzuführen.

Fotos: © Misereor, Ruas e Praças (Da wir die sozialen Projekte nicht selbst betreuen und besuchen, ist der Projektträger die Quelle und Eigentümer der Fotos)
Projektbeschreibung: © Entwicklungshilfeklub
KAFFEELAND HAINISCH in Zusammenarbeit mit Entwicklungshilfeklub, Misereor und Ruas e Praças (Durchführung im Einsatzgebiet)

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